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Einst
soll es im Vogtland über 50 Mühlen gegeben haben. Auch die
Weißmühle in Leubnitz gehörte dazu. Anni Witt war die letzte
Müllerin. Über 50 Jahre übte sie ihren Beruf aus. Im
November des vergangenen Jahres erhielt sie den Goldenen
Meisterbrief als Müllermeisterin. Nur noch einen weiteren
Müller aus Sachsen konnte die Handwerkskammer mit dieser
Auszeichnung ehren.
LEUBNITZ - Stolz, aber auch ein wenig nachdenklich sitzt
Anni Witt in der gemütlichen Gaststube der Weißmühle. Stolz,
weil die Mühle erhalten und zu einer besonderen
Einkehrstätte ausgebaut wurde. Nachdenklich, weil das
Müllerhandwerk heutzutage nur noch einer Handvoll Leuten
Lohn und Brot gibt.
Fröhlich lärmend wuseln die beiden Urenkelinnen um die
72-Jährige herum. Sie werden wohl erst später begreifen, in
welch geschichtsträchtigem Haus ihre Mama eine Gaststätte
betreibt. Obwohl, das Interieur dürfte bei ihnen schon so
manche Frage erlaubt haben. Überall sind nämlich alte
Maschinen und Gerätschaften aus der ehemaligen Mühle und
anderen stillgelegten Mühlen in die Einrichtung integriert
worden. Da findet sich das nachgebaute Wasserrad gleich im
Eingangsbereich.
Daneben hat ein alter Schrotgang (Wilhelm Busch ließ darin
Max und Moritz schroten) seinen Platz gefunden. Walzenstühle
von 1910, Plansichter und ein Filterschrank aus dem Jahre
1920 stehen im Gastraum auf dem Dachboden. Auch eine
Getreidereinigungsmaschine (Aspirator) von 1890 ist zu
besichtigen. Initiator für den Umbau zur Gaststätte war Frau
Witts Sohn Jürgen. Und Enkel Thomas, Zimmermann von Beruf
und Besitzer der benachbarten Schneidmühle, hat kräftig in
die Hände gespuckt und das alte Gebäude samt verfallendem
Gebälk einer Schönheitskur unterzogen.
Anni Witt wuchs sozusagen ins Müllerhandwerk hinein. Die
Weißmühle, bereits 1495 urkundlich erwähnt, ist seit 1927 in
Familienbesitz. Vater Otto Metzner hatte sie gekauft. Für
Frau Witt war klar, dass sie in die Fußstapfen der Eltern
tritt. Sie lernte ihren Beruf von 1948 bis 1951. „Zwei Jahre
davon war ich in der Franzmühle in Elsterberg. Jeden Samstag
bin ich da vier Stunden nach Hause gelaufen", erinnert sie
sich.
Sie spricht über die schwere Arbeit mit Respekt. Die Steine
wurden mit der Hand geschärft. Korn- und Mehlsäcke mussten
tagaus tagein geschleppt werden. Das war normal für die
Müllerin. Erst später wurde ein Fahrstuhl eingebaut und eine
Rampe errichtet. Vier bis fünf Müller haben nach dem Krieg
in der Weißmühle gearbeitet. Später waren es nur noch Anni
Witt und ihr Mann.
Das Wasser des Rosenbaches trieb die Mühle an. Dazu bestand
bis 1950 unterhalb des jetzigen Waldbades Rodau eine
Wehranlage. Das Wasser floss im Mühlgraben entlang der
Straße zur Mühle. Heute gibt es die Wehranlage nicht mehr,
Mühlenteich und Mühlgraben sind teilweise zugeschüttet. „Bis
1941 wurde die Mühle durch ein Wasserrad angetrieben. Dann
kam die Spiralturbine. Sie steht heute noch an der Zufahrt
zum Gasthaus", erzählt Frau Witt. „Der Wald oberhalb von
Rodau bis zum Stelzenbaum und bis zum Koskauer Weg wurde
1945/46 gerodet. Das war eine Katastrophe für uns, denn das
Gebiet war der Wasserspeicher für den Rosen- und den
Holzwiesenbach. Dazu kam ein heißer, trockener Sommer. Der
Rosenbach trocknete aus. Die Weißmühle stand still. Wir
saßen im Dunkeln. Erst 1947 bekamen wir Strom aus dem Netz."
Bis 1960 war die Weißmühle Handelsmüllerei für die Stadt und
Lohnmüllerei für die Bauern, die ihr Korn brachten und das
Mehl mitnahmen. Mit Pferdefuhrwerken wurde das Mehl zu
Bäckern bis nach Flauen gefahren. Doch immer mehr
Mühlenbetreiber mussten in den DDR-Jahren aufgeben. „Am
Ende", so die Müllerin, „haben wir nur noch Stollenmehl
produziert. Ab 1970 dann sogar nur noch Futterschrot. Das
ist, wie wenn ein Konditor nur noch Schwarzbrot backen
darf." Ab 1990 stand die Mühle ganz still. Auch Schrot wurde
nicht mehr gebraucht. Anni Witt ging in den Ruhestand. Zehn
Jahre stand das Gebäude fast leer. Dann entschloss sich die
Familie, das Anwesen vor dem Verfall zu retten und zu
sanieren. Ein Ort für gemütliche Stunden sollte entstehen.
Und das ist er geworden. Den Gast erwartet nicht nur Speis
und Trank (im Sommer wird zudem im urigen Biergarten
bedient), sondern auch ein kleines Mühlenmuseum obendrein.
Erlebnisgastronomie der besonderen Art, die nicht nur
Erwachsenen, sondern vor allem auch Kindern, die vielleicht
nur noch verschwommene Vorstellungen vom Müllerhandwerk
haben, einen interessanten Geschichtsexkurs bietet.
Anni Witt ist stolz auf ihren Goldenen Meisterbrief. Er
sollte im Gastraum einen Ehrenplatz bekommen. B.W. |